Nutrition and mental health

Die unterschätzte Bedeutung der Ernährung für die psychische Gesundheit

Psychotherapie und Medikamente gelten als die üblichen Mittel zur Verbesserung der psychischen Gesundheit. Doch die Psychologin Kimberley Wilson ist überzeugt, dass auch unsere Ernährung eine entscheidende Rolle spielt.

Ernährung und psychische Gesundheit - Gehirn und Nährstoffe

Eine gesunde Ernährung ist für die körperliche Gesundheit von zentraler Bedeutung. Erstaunlicherweise kommt sie jedoch kaum zur Sprache, wenn es um psychische Gesundheit geht. Stattdessen konzentrieren wir uns meist auf Medikamente und Psychotherapie und schenken dem, was wir essen, nur wenig Beachtung – ein grosser Fehler, wie die Psychologin Kimberley Wilson meint.

Während ihrer Arbeit im HM Prison Holloway in London, dem damals grössten Frauengefängnis Europas, wurde ihr bewusst, welch starken Einfluss die Ernährung auf das psychische Wohlbefinden haben kann. Sie erlebte, wie viel schwerer es Gefangenen fiel, ihre Emotionen zu regulieren, wenn ihnen eine ausgewogene Ernährung und wichtige Nährstoffe fehlten. Dabei erkannte sie, dass eine angemessene Nährstoffversorgung für die psychische Gesundheit ebenso berücksichtigt werden sollte wie Medikamente und Psychotherapie.

Im Gespräch mit New Scientist erklärt sie, weshalb Ernährung eine Grundlage der Gehirngesundheit ist und wie unsere Nahrung sogar bei der Behandlung psychischer Erkrankungen eine Rolle spielen kann.

Olivia Goldhill: Wie beeinflusst die Ernährung die Gesundheit unseres Gehirns? Den meisten Menschen ist vermutlich klar, dass Nahrung für unseren Körper wichtig ist. Weniger bekannt ist jedoch, welchen Einfluss sie auf unsere Psyche hat.

Kimberley Wilson: Psychische Gesundheit ist eine emergente Eigenschaft eines physischen Organs. So wie der Herzschlag eine emergente Eigenschaft des Herzens ist, sind all die Phänomene, die wir mit psychischem Wohlbefinden verbinden, emergente Eigenschaften unseres Gehirns.

Wenn wir ein stabiles und kohärentes psychisches Erleben anstreben, sollten wir deshalb bei der körperlichen Gesundheit und strukturellen Integrität des Gehirns ansetzen. Die Ernährung beeinflusst die Fähigkeit unseres Gehirns, Gedanken und Emotionen zu verarbeiten – genauso, wie sie die Gesundheit jedes anderen Organs beeinflusst.

Warum wird diese Verbindung zwischen Körper und Psyche Ihrer Meinung nach so selten berücksichtigt?

Ich denke, das hat mit dem kartesianischen Denken zu tun. Vor rund 400 Jahren vertrat René Descartes die Auffassung, es gebe eine Essenz des Selbst, die vom physischen Körper getrennt und ihm übergeordnet sei. Diese Vorstellung prägte die Medizin und später auch die Psychiatrie so stark, dass wir psychische Gesundheit irgendwann als etwas betrachteten, das sich gewissermassen nur «oberhalb des Halses» abspielt – während der übrige Körper völlig irrelevant sei.

Hinzu kommt, dass das Gehirn für uns nicht sichtbar ist. Krafttraining verändert den Körper sehr schnell, oft schon innerhalb weniger Wochen. Veränderungen, die Ernährung, Bewegung und Schlaf im Gehirn bewirken, können wir dagegen nicht unmittelbar sehen. Wir müssen auf eine subjektiv wahrnehmbare Veränderung warten – und die kann sechs Monate dauern.

Ein gewisser Egozentrismus spielt ebenfalls eine Rolle. Wir betrachten uns selbst als ausserordentlich komplexe Individuen. Die Vorstellung, dass sich unser Unwohlsein möglicherweise durch eine Ernährungsumstellung und eine erholsame Nacht verbessern könnte, gefällt uns nicht besonders. Stattdessen suchen wir entweder nach einem komplexen pharmakologischen Wirkstoff oder nach einer tiefgehenden Therapie, die bis zum Kern unserer persönlichen Komplexität vordringt.

Natürlich biete auch ich solche therapeutischen Ansätze an. Aber wir wissen inzwischen, dass sich auch durch Ernährungs- und Lebensstilinterventionen tiefgreifende Veränderungen erzielen lassen. Das sehen wir beispielsweise in Gefängnissen, wo randomisierte kontrollierte Studien gezeigt haben, dass Ernährungsinterventionen gewalttätiges Verhalten reduzieren können. Das gehört für mich zu den eindrücklichsten und eindeutigsten Belegen dafür, dass das Gehirn ein physisches Organ ist – und dass wir es richtig ernähren müssen, wenn es gut funktionieren soll.

Sie haben bis 2013 im Holloway-Gefängnis und in der dortigen Einrichtung für junge Straftäterinnen gearbeitet. Die Einrichtung ist inzwischen geschlossen, war damals aber das grösste Frauengefängnis Europas. Ich nehme an, diese Erfahrung hat Ihren Umgang mit psychischer Gesundheit stark geprägt.

Im Gefängnis arbeitet man mit einer Bevölkerung, die in hohem Mass traumatisiert ist und zugleich selbst traumatisierendes Verhalten zeigen kann. Der Fokus liegt meist auf den daraus entstehenden Verhaltensweisen: Diese Person ist wütend, sie ist aggressiv, sie ist gefährlich, sie macht Angst. Aber nur wenige Menschen denken über die Mechanismen nach, aus denen dieses Verhalten hervorgeht.

Dabei haben wir es mit Menschen zu tun, die auf praktisch allen Ebenen extreme Entbehrungen erfahren haben: emotionale Vernachlässigung, häufig Missbrauch, aber auch schwere Beeinträchtigungen des Gehirns durch Nährstoffmangel und oftmals durch Substanzkonsum.

Unser Justizsystem beruht auf dem Prinzip der Willensentscheidung: Du kennst den Unterschied zwischen richtig und falsch, und wenn du dich dafür entscheidest, etwas Falsches zu tun, musst du die Konsequenzen tragen. Das setzt allerdings voraus, dass die Mechanismen, die unseren Entscheidungen zugrunde liegen, ordnungsgemäss funktionieren.

Bei Gewalt in Gefängnissen gelangen wir damit fast schon in philosophisches Terrain. Wenn ich in ein Auto steige, einen Unfall verursache und nicht wusste, dass die Bremsen defekt waren – bin ich dann vollständig für den Unfall verantwortlich? Oder gibt es mildernde Umstände, die berücksichtigt werden müssen?

Was Gehirngesundheit und Gewalt in Gefängnissen betrifft, sehen wir, dass sich die Gewalt um 30 Prozent reduziert, wenn die Nährstoffversorgung verbessert wird. In diesen Studien wurden Nahrungsergänzungsmittel mit einem breiten Spektrum an Mikronährstoffen eingesetzt – also Vitamine, Mineralstoffe und in einigen Fällen Omega-3-Fettsäuren.

Niemand möchte Menschen einfach von jeder Verantwortung freisprechen. Aber wir sollten sorgfältiger darüber nachdenken, welche Annahmen wir über menschliches Verhalten treffen – nicht nur im Gefängnis, sondern grundsätzlich.

Allgemeiner gefragt: Welchen Einfluss haben körperliche Gesundheit und Ernährung auf unser psychisches Wohlbefinden?

Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass die körperliche Gesundheit – sowohl des gesamten Körpers als auch speziell des Gehirns – die psychische Gesundheit beeinflusst. Wir verfügen über gute Daten, die zeigen, dass ein Gramm Omega-3-Fettsäuren pro Tag, davon 60 Prozent EPA (Eicosapentaensäure, eine Omega-3-Fettsäure), depressive Symptome reduzieren kann.

Man geht davon aus, dass Entzündungsprozesse bei manchen Menschen depressive Symptome begünstigen. Omega-3-Fettsäuren liefern notwendige Ausgangsstoffe für körpereigene Prozesse, die Entzündungsreaktionen wieder beenden.

Dann gibt es Daten über die Entwicklung des Gehirns und Psychopathologie. Gehirnscans haben gezeigt, dass ein im Vergleich zur Norm geringeres Volumen in den präfrontalen und parietalen Hirnregionen, die unter anderem für komplexe kognitive Prozesse zuständig sind, mit einem erhöhten Risiko für Psychopathologien verbunden ist. Wir sprechen hier also von der physischen Struktur des Gehirns als Risikofaktor.

Jodmangel während der perinatalen Phase und im frühen Säuglingsalter ist laut Weltgesundheitsorganisation weltweit die häufigste Ursache vermeidbarer Hirnschäden und wird mit einem niedrigeren IQ in Verbindung gebracht.

Einige der robustesten Daten zur Prävention von Depressionen betreffen körperliche Bewegung. Trotzdem denken wir erstaunlich selten daran, weil die meisten Menschen davon ausgehen, dass psychische Probleme entweder mit Psychotherapie oder mit Medikamenten behandelt werden müssen.

Psychiater und Psychologen haben sich traditionell stark auf das Gehirn konzentriert. Ihr Ansatz scheint das Gehirn jedoch ganzheitlicher zu betrachten.

Ja. Und ich denke, der klassische psychiatrische Ansatz, mithilfe von Medikamenten die chemischen Vorgänge im Gehirn zu beeinflussen, ist nur ein sehr kleiner Teil des Gesamtbildes. Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin sind wichtig für die Regulation unserer Stimmung – aber auch sie werden mithilfe von Nährstoffen gebildet.

Wenn Sie beispielsweise an einer Anämie leiden, kann auch die Serotoninproduktion beeinträchtigt sein, weil das Gehirn für diesen Prozess Eisen benötigt. Tatsächlich beobachten wir Zusammenhänge zwischen Eisenmangel und affektiven Störungen wie Depressionen.

Eine der einfachsten Abklärungen bei einer affektiven Störung lautet deshalb: Liegt eine Anämie vor? Falls ja, können wir sie möglicherweise durch eine Ernährungsumstellung oder Eisensupplementierung korrigieren. Damit können sich Erschöpfung und ein abgeflachter Affekt verbessern, ohne dass dafür zunächst sechs Monate Psychotherapie erforderlich sind.

Wie sollten Erkenntnisse über Ernährung und psychische Gesundheit Ihrer Meinung nach in Diagnostik und Behandlung einfliessen?

Was wir brauchen, ist eine bessere diagnostische Abklärung. Statt einer binären Frage – «Sind Sie depressiv oder nicht?» – sollten wir fragen: Was verursacht oder begünstigt Ihre Depression?

Liegt ein Kindheitstrauma zugrunde? Dann sollten wir möglichst schnell eine intensive Psychotherapie ermöglichen. Ist es Beziehungsstress? Sind es Belastungen am Arbeitsplatz? Oder haben Sie in den vergangenen vier Tagen gerade einmal zwei Schokoladenmuffins gegessen? Das wird kaum dazu beitragen, dass Sie sich gut fühlen. Wenn wir zuerst dort ansetzen, können wir unter Umständen sehr schnell verändern, wie sich jemand fühlt.

Was würde also mit dem Gehirn geschehen, wenn man sich beispielsweise ausschliesslich von hochverarbeiteten Lebensmitteln ernähren würde?

Das Gehirn ist das energie- und nährstoffhungrigste Organ des Körpers. Wir müssen es mit den Nährstoffen versorgen, die es benötigt, damit wir uns gut fühlen, uns konzentrieren und zielgerichtet handeln können – all diese Dinge hängen davon ab.

Ein einzelner Donut wird Ihrem Gehirn keinen nennenswerten Schaden zufügen. Je grösser jedoch der Anteil solcher Lebensmittel an Ihrer Ernährung ist, desto schlechter wird tendenziell Ihre Versorgung mit wichtigen Nährstoffen. Ihnen fehlen dann eher Nährstoffe wie Vitamin B3 und B12, Omega-3-Fettsäuren, Selen und Zink. Das ist problematisch, weil dem Gehirn dadurch Stoffe fehlen, die es benötigt, um optimal zu funktionieren.

Wir haben über die ernährungsphysiologischen Auswirkungen unserer Ernährung auf das Gehirn gesprochen. Mich interessiert aber auch die soziale Bedeutung des Essens. Hat es gesundheitliche Vorteile, gemeinsam mit anderen Menschen zu essen?

Ich denke schon. Gemeinsam zu kochen und zu essen gehört zu dem, was uns als Menschen ausmacht. Im Verlauf der menschlichen Evolution war gemeinsames Essen eine Notwendigkeit, denn man konnte nicht einfach allein hinausgehen, jagen und sammeln und nur für sich selbst sorgen. Es war ein gemeinschaftlicher Prozess: Ich teile, was ich habe, und du teilst, was du hast.

Es gibt sehr interessante Daten, die zeigen, dass wir Menschen mehr Vertrauen entgegenbringen, wenn wir gemeinsam mit ihnen essen. Und das liegt nicht einfach daran, dass wir ohnehin nur mit Menschen essen, denen wir bereits vertrauen. Das gemeinsame Essen selbst scheint Beziehungen zu fördern.

Ich denke, das hängt auch mit der Physiologie des Essens zusammen. Auf der einen Seite haben wir die Kampf-oder-Flucht-Reaktion, auf der anderen den Zustand von «Ruhe und Verdauung». Um gut verdauen zu können, müssen wir ruhig sein und uns sicher fühlen. Wir müssen das Gefühl haben, mit vertrauenswürdigen Menschen zusammen zu sein, damit wir unsere Wachsamkeit reduzieren und unsere Nahrung verdauen können.

Sie haben gerade ein Baby bekommen. Hat die Schwangerschaft und die Zeit nach der Geburt Ihr Verständnis für die Bedeutung der Ernährung verändert?

Ich habe es so betrachtet, dass ich von Grund auf ein völlig neues Gehirn aufbaue. Deshalb war es für mich wichtig, darüber nachzudenken, welche Nährstoffe ich diesem Gehirn zur Verfügung stelle, damit es sich optimal entwickeln kann.

Ich habe pränatale Nahrungsergänzungsmittel mit den Forschungsergebnissen darüber verglichen, welche Nährstoffe für die Gehirnentwicklung wichtig sind, und dabei festgestellt, dass die Präparate den Bedarf bei Weitem nicht abdecken.

Praktisch kein pränatales Vitaminpräparat enthält genügend Cholin, schlicht weil Cholinsalze viel Volumen beanspruchen. Dabei wissen wir, dass Cholin ähnlich wie Folsäure dazu beitragen kann, das Risiko neurologischer angeborener Fehlbildungen zu reduzieren. Zudem zeigen Studien, dass eine Cholin-Supplementierung während der Schwangerschaft mit einer verbesserten Aufmerksamkeitsleistung der Kinder im Alter von sieben Jahren verbunden ist.

Ich stille, und diese Nährstoffe gelangen auch in die Muttermilch. Deshalb nehme ich ein Cholinpräparat ein, um sicherzustellen, dass mein Sohn ausreichend damit versorgt wird.

Wenn Sie eine einzige Ernährungsumstellung nennen müssten, von der die meisten Menschen im Hinblick auf ihr psychisches Wohlbefinden profitieren könnten – welche wäre das?

Ich würde wahrscheinlich empfehlen, die Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren zu erhöhen – idealerweise durch mindestens eine Portion fettreichen Fisch pro Woche. Veganer und Vegetarier könnten stattdessen ein entsprechendes Nahrungsergänzungsmittel in Betracht ziehen.

Hier finden sich einige der überzeugendsten Daten: Sie zeigen ein geringeres Risiko für Depressionen und Suizidgedanken, was vermutlich mit einer Verringerung von Neuroinflammation zusammenhängt. Da in Grossbritannien nur sehr wenige Menschen ausreichend Fisch essen, können wir davon ausgehen, dass bereits diese eine Veränderung einer beträchtlichen Zahl von Menschen helfen könnte.

Glauben Sie, dass sich die Art und Weise verändern wird, wie wir über Ernährung und psychische Gesundheit sprechen?

Als ich zum ersten Mal über diese Forschung sprach, unterhielt ich mich mit einem Kollegen darüber – und er lachte mich einfach aus. Das war ziemlich enttäuschend. Er sagte nur: «Davon habe ich noch nie gehört.»

Es ist schwer zu beurteilen, ob sich die Situation inzwischen verbessert, weil ich nicht weiss, ob ich mich mittlerweile selbst in einer gewissen Blase bewege. Ich hoffe aber, dass der alte Ansatz zunehmend von offeneren, optimistischeren Menschen abgelöst wird, die sich an den neuesten Forschungsergebnissen orientieren und sagen: Das Gehirn ist tatsächlich ein physisches Organ – und wir können etwas tun, um unsere psychische Gesundheit zu verbessern.


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